Zum Tode von Dr. Guido Westerwelle
22. März 2016
Kandidaten für den „European Dialogue Silver Award“ 2016 gesucht
12. April 2016
Zeige alle

Zum Tode von Hans-Dietrich Genscher

Genscher ist tot. Drei sehr schwierige Worte, weil damit ein Teil unserer Bundesrepublik, ein Teil unseres Europas, ein Teil unserer Welt auch tot ist. Ein Teil nicht nur von unserer Geschichte, sondern auch ein Teil der Gestaltung unserer Welt.

Hans-Dietrich Genscher war der direkte Grund, dass ich in die FDP eingetreten bin, sofort nachdem ich 1994 nach Deutschland kam. Hans-Dietrich Genscher ist ein sehr wichtiger Grund, dass ich 2015 Deutscher Staatsbürger geworden bin. Seine liberalen und europäischen Werte waren gleichzeitig Visionen und Stabilität in unserem Leben.

Eine ungewöhnliche und nicht weit bekannte Geschichte ist typisch für Hans-Dietrich Genscher. Er spielte persönlich eine sehr wichtige Rolle, als Grönland, als Teil Dänemarks, die EU verlassen hat. Grönland war Mitglied in der EU und hat eine MEP direkt in Grönland gewählt. Nach einer Abstimmung in Grönland im Jahr 1982 war eine Mehrheit der Bevölkerung gegen diese Mitgliedschaft. Die neue Dänische Regierung unter Staatsminister Poul Schlüter hatte das erste Regierungstreffen am 10. September 1982. Ich war neu als Minister für Grönland aber in diesem ersten Regierungstreffen war es notwendig für mich zu fragen, ob unsere Europa-positive Regierung trotz unserer eigenen Haltung die Abstimmung in Grönland akzeptieren soll. Wir waren uns sofort einig, dass wir die demokratische Abstimmung  respektieren wollen, obwohl wir juristisch nicht dazu verpflichtet waren. Der Dänische Minister für das Auswärtige Amt und ich als Minister für Grönland hatten die Aufgabe, die Verhandlungen mit der EU zu führen.
Hier war Hans-Dietrich Genscher unser wichtigster Partner und Helfer. Wir hatten schon im September 1982 in Bonn erste konstruktive Verhandlungen mit Minister Genscher (und dem Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Josef Ertl). Wichtigster Punkt war das EU-Interesse auch weiter im Meer nahe Grönland fischen zu können und gleichzeitig der grönländische Wunsch, selbst über die Ressourcen zu bestimmen.

Genscher und Ellemann-Jensen_in wordpress Groeße bearbeitet
September 1982 war ein Schicksalsmonat für Hans-Dietrich Genscher, persönlich als Minister und als FDP-Leiter, weil FDP entschieden hatte, Helmut Kohl als Bundeskanzler  zu unterstützen. Gerade in diesem Monat hat Hans-Dietrich Genscher gegen seine Natur polarisiert.
Außen vor dem Verhandlungsort in Bonn gab es Demonstrationen, aber innen war Hans-Dietrich Genscher professionell und visionär, auch wenn er in seinen Gedanken bestimmt von den innenpolitischen Problemen gefangen war. Für Hans-Dietrich Genscher als europäischer Liberaler war der politische Weg: Dialog statt Polarisierung. Wir wollten zusammen sowohl Grönland respektieren als auch das europäische arktische Fenster bewahren.
Die Lösungen, die wir in Bonn gefunden haben, wurden später von der EU akzeptiert und Grönland konnte 1985 die EU mit einer für beide Parteien sehr guten Verabredung verlassen.
Egal wo in der Welt ich Hans-Dietrich Genscher später noch getroffen habe, er hat sich immer über die Entwicklung in Grönland erkundigt. Sowohl die EU als auch die dänische Regierung wollten Grönland lieber in der EU behalten haben, aber der demokratische Wille der grönländischen Bevölkerung hat eine größere Rolle gespielt.
Auch in dem arktischen Gebiet in unserer Welt hat Hans-Dietrich Genscher eine wichtige und bis jetzt nicht sehr bekannte Rolle gespielt.
In Respekt und Dankbarkeit und in der Überzeugung, dass in der Politik auch in Zukunft Hans-Dietrich Genschers Weg, Dialog zu führen statt zu polarisieren, der liberale Weg ist.
Tom Høyem

Dänischer Minister für Grönland, 1982 bis 1987
FDP-Stadtrat Karlsruhe
 

Bildtext zum Foto AP/POLFOTO: September 1982: Der Karlsruher Stadtrat Tom Høyem (ganz links im Bild), der in der Fächerstadt auch Fraktionsvorsitzender der Karlsruher FDP-Gemeinderatsfraktion ist, im Bild mit Hans-Dietrich Genscher (ganz rechts) und Uffe Ellemann-Jensen und dem grönländischen Politiker Lars Emil Johansen.

Es können keine Kommentare abgegeben werden.